Diaphonie #1 (auch: Camouflage)

website: http://kunstradio.at/1996B/10_10_96.html


 
music/radio, 1996 [Sodomka,Math,et.al.]

Musikprotokoll im Steirischen Herbst, ORF Zeitton, ORF Kunstradio 10.10.1996

Fremdtexte

Flüstermaschinen


Unter Aufführungsraum kann Andrea Sodomka eine Menge Verschiedenes verstehen: Den oft und gerne benutzten und ausgeloteten Radio-Raum (unter anderem des ORF-Kunstradios),
einen Konzertsaal oder Galerieraum, diverse Kombinationen aus und Rückkopplungen mit Radio und Internet wie im hybrid workspace während der documenta X in Kassel, ein Theater oder die Null-Indexe einer CD inklusive eines dazugehörigen eigenen cuts.

Andrea Sodomkas Werkbegriff ist ein dementsprechend weiter: »System, in dem verschiedene Systeme in Abhängigkeit voneinander funktionieren (Diasystem)« ist eine jener, aus Lexika zusammengesuchten Definitionen, die die Künstlerin anstelle einer Werkbeschreibung für die erste "Diaphonie" beim Musikprotokoll 1996 abdrukken ließ. Das läßt sich auch lesen als eine Umschreibung ihres Verständnisses vom "Werk" und "Kunstwerk"

Das In-Bewegung-Halten von interdependeten Systemen macht die Kunst und das Werk aus,
wobei Andrea Sodomka nach genauen, beinahe pedantischen Recherchen arbeitet und
innerhalb ebenso präzise festgelegter Spielregeln, um dann oft im letzten Moment während
der Aufführung den Prozessen und Klängen ihren Freiraum zu gewähren.
Nicht nur verschiedene akustische Ebenen in verschiedenen medialen Räumen agieren als
sich beeinflussende Systeme. In den meisten ihrer Arbeiten durchdringen einander auch optische und akustische, theatralische und inszenatorische Ebenen.

Die Maschine - im Sinne künstlicher, technischer Apparatur als ein zur Anpeilung von Transzendenz durchaus geeeignetes Instrumentarium spielt in Sodomkas Arbeiten immer wieder eine entscheidende Rolle. Nicht nur als Thema, sondern auch als handwerkliche Methode.

Daß es trotz der Auseinandersetzung mit Digitalität mit daraus folgender Rasterung mit on/off eigentlich die dazwischenliegenden Phänomene des Oszillierenden, des Durchscheinenden und Uneindeutigen sind, um die sich die Arbeit von Sodomka/Breindl dreht, mag an einem weiteren Detail ablesbar sein, an einer weiteren der für die "Diaphonie#1" zusammengestellten Lexikondefiition: »Diaphanie, die;...ien: durchscheinendes Bild«. Die Lautsprecher für diese Installation bestanden aus
Plexiglas, kaum sichtbar im prunkvoll klassizistischen Ambiente des Uraufführungsortes,
und während der Pausenkonversation des Publikums verströmten eben diese Lautsprecher Flüsterpartikel, ein gelegentliches »sch-gss-ß-tz<>, zugleich irritierend und kaum wahrnehmbar, eine Zone des perzeptiven Übergangs markierend. Viele dieser skizzierten und ausgeloteten Übergänge auch in jenen Stücken, deren Titel schon diese Widersprüchlichkeit benennen wie "Frozen Moments" und "Tempo compresso/Spazio sospeso" benötigen ausgedehnte Zeiträume, um in meditativ wirkenden Klangtransformationen ihr Durchscheinendes, ihre abwesende Anwesenheit zur Wirkung kommen lassen zu können.

Christian Scheib, Flüstermaschinen (Ausschnitt)
in Positionen 38, Beiträge zur Neuen Musik, 1999

Credits

Konzept: Andrea Sodomka
Komposition, Live Sound: Andrea Sodomka/RupertHuber/Norbert Math
Tontechnik: Harald Domitner

Enthält Ausschnitte aus: Winfried Ritsch, The House of Sounds

Klanginstallation:
Andrea Sodomka/Martin Breindl
Bauten: TUMultimedia
Sound design: Norbert Math