PERFORMING UTOPIA

eine Radiooper

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Das Genre der Utopie ist schwierig. Utopien werden nicht ernst genommen. Sie gelten als blutleer und langweilig, und taugen im Rückblick am ehesten noch als Kuriosität. Niemandem würde einfallen, sich sein Leben nach einer literarischen Utopie einzurichten und etwa die Erfüllung eines Sonnenstaates einzufordern. Es scheint als hätte die Zukunft alles Erstrebenswerte verloren. Sie ist ein Ort diffuser Ängste geworden. Mittlerweile ist wohl allen klar, dass die Zukunft keine Ingenieursleistung sein kann. Dass sie nicht „machbar“ ist. Dass letztendlich keine Gestaltung sich durchsetzen wird.

Kaum haben Expert*innen (im August 2016) das Anthropozän (altgriechisch: „Das menschlich [gemachte] Neue“) als Bezeichnung des aktuellen Erdzeitalters eingeführt, verdichten sich bereits die Anzeichen, dass unser anthropozentrisches Weltbild ins Wanken geraten ist. Einerseits scheint der menschliche Einfluss natürliche Prozesse so aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben, dass deren Dynamik irreversibel wird. Andererseits mehren sich durch wissenschaftliche Forschung und technische Entwicklung Indizien und Beweise, die eine besondere Stellung des Menschen (etwa als „Krone der Schöpfung“) in Frage stellen, sondern ihn im Gegenteil von vielen anderen – natürlichen und künstlichen – Intelligenzen umgeben sehen.

Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Deep Learning sind Faktoren unseres Lebens geworden. Sie sind da, egal ob willkommen oder nicht, sie handeln, lernen, entwickeln sich. Sie agieren subkutan. Wir sehen eine auffällige Diskrepanz zwischen der Richtung, in die sich Menschen und Gesellschaften entwickeln, die Welt sich verändert und dem starrsinnigen Festhalten an traditionellen, überkommenen Lebensmodellen. Was wir brauchen, sind bessere Utopien. Zur ihrer Verbesserung wollen wir genau diejenige Technologie einsetzen, die, je nach Sichtweise, die menschliche Intelligenz erweitert oder bedroht: Künstliche Intelligenz. Ob wir wollen oder nicht, wir werden mit ihr kommunizieren (müssen).

Für die Radiooper trainierten wir Künstliche Intelligenzen. Jede dieser Agent*innen bildeten sich an historischen utopischen Texten quer durch die Jahrhunderte heraus; in diesem Lernprozess wurde dieses Material somit laufend rekombiniert, umgeschrieben und verbessert. Im Rahmen der „Aufführung“ diskutieren und interagieren dann menschliche und artifizielle Stimmen, die beide die maschinengenerierten Texte interpretieren. Ein musikalisch-philosophischer Disput über Möglichkeitswelten.

Die Radiooper besteht aus vier Akten, in den historischen Epochen angesiedelt, die den Nährboden für wesentliche utopische Gedanken und Konzepte bildeten: die Renaissance, die Romantik, der revolutionäre Russische Futurismus und das digitale Zeitalter. Die historischen Materialien, mit denen die Künstlichen Intelligenzen trainiert wurden, sind: [1. Akt] Thomas Morus, Utopia (1516, engl.: 1551), [2. Akt] Mary Shelley, Frankenstein; or, The Modern Prometheus (1818), [3. Akt] Velimir Khlebnikov, The Trumpet of the Martians (mit Maria Siniakova, Bozhidar, Grigory Petnikov, Nikolai Aseev, 1916) und The Radio of the Future (1921), [4. Akt] Donna Haraway, A Cyborg Manifesto (1985), Arthur and Marilouise Kroker, Spasm: Virtual Reality, Android Music and Electric Flesh (1993) und Natasha Vita-More, Transhumanist Manifesto (1983).

Aber nicht nur das Libretto, sondern auch die Musik wurde mit Hilfe neuronaler Netze komponiert, die musikalischen Parameter entsprechen den Stilen der jeweiligen Epochen. Und so ist Performing Utopia tatsächlich eine Performanz, wie in der Linguistik beschrieben: Äußerungen, die durch die Tatsache, dass sie geäußert werden, Zustände in der sozialen Welt verändern. Hier als Kooperation zwischen menschlichen und artifiziellen Intelligenzen. Im Sinne einer posthumanistischen Ökologie, nämlich der Erkenntnis, dass nur intelligente Netzwerke überlebensfähig bleiben – egal ob der Mensch daran beteiligt ist, oder nicht.